‚Ich reise für mein Leben gern! Es gibt kein Land auf dieser Welt, das ich noch nicht gesehen habe!‘ sagt die Pilotin einer bekannten Airline, die wir heute interviewen. Ihre Augen funkeln. Wir von der Redaktion haben Gänsehaut. Marta (Name v.d.R. geändert) sprüht nicht nur vor Lebenslust- & energie, sie strahlt auch eine besondere Aura aus. Obwohl sie selbstsicher und schön vor uns sitzt und ihren Matche-Tee trinkt, wirkt sie fern, unnahbar und irgendwie nicht greifbar.
Einen Reise-Tick habe sie schon immer gehabt. Das hat sie immer so unabhängig und vogelfrei fühlen lassen. Schon während ihrem Studium reiste sie gerne, konnte nicht lange an einem Ort bleiben und genoss es, immer wieder alleine zu sein. Obwohl sie sich gleichzeitig auch immer wieder einsam fühlte – trotz der Reise-Träume, die sie sich erfüllte.
Mittlerweile ist sie 43, ihre Beziehungen sind alle gescheitert, da sie nie seßhaft werden konnte bzw ihre Partner mit ihrem Reise-Faible nicht mithalten konnten.
Ihr war klar, dass Reisen eine Art Obsession und Leidenschaft für sie waren, auf die sie stolz war. Es formte ihren Charakter und ihre Persönlichkeit. Doch irgendwann wurde aus ihrem Faible ein Tick, aus dem Tick wurde eine Obsession – die Obsession wurde zu einer Zwangsstörung.
Mittlerweile weiss Marta, dass sie an einer Impulskontrollstörung leidet. Ein zwanghaftes unvermitteltes Weglaufen ohne einen einsichtigen Grund und ohne ein ‚fassbares‘ Ziel. Fachbegriffe dafür sind Poriomanie (altgriechisch, ‚Reise‘), Dromomanie (altgr. ‚Lauf‘) oder Fugue (fr., ‚Flucht‘) und zeigt alle Kennzeichen einer dissoziativen Amnesie (Auseinanderfallen von psychischen Funktionen, die normalerweise zusammenhängen).
Dieses zwanghafte Weglaufen kann als Folge einer Neurose, Depression, Wahn oder Schizophrenie auftreten. Die zwanghafte Wander- oder Fluchtbereitschaft ist besonders bekannt bei Alzheimer-Patienten.
Die Störung wurde erstmals 1888 vom französischen Neurologen Jean-Martin Charcot beschrieben. Ein 37-jähriger Briefträger durchlebte damals drei Episoden von stundenlangem Herumwandern in Paris mit jeweils vollständiger Amnesie in einem ‚Status epilepticus mit Poriomanie‘.
Besondere Verletzungsgefahr droht den Betroffenen durch Verkehr, Unterkühlung oder Stürze. Die meisten finden den Heimweg nicht mehr und können ihr Handeln nicht begründen.
Die Pilotin, die in diesem Beitrag nicht namentlich genannt werden möchte, betont, dass die Störung nicht mit Fernweh, Neugier oder Abenteuerlust zu erklären sei. Sie leidet oft während ihren Ausflügen unter Angst und Heimweh ohne in der Lage zu sein, umzukehren.
Die Auslöseimpulse liegen meist im Verborgenen, sagt sie, bevor die Störung sein wahres Gesicht zeit.
Marta wünscht sich nichts sehnlicher, als eine Familie zu gründen und eine Zuhause zu haben, in dem sie sich angekommen fühlt.
Trotz aller Umstände und ihrer scheinbar perfekten Aussenwirkung macht Marta das Beste aus allem. Wüssten wir nichts von ihrer Störung, würden wir beim Anblick der atemberaubenden Fotos auf Instagram neidisch oder sogar eifersüchtig werden.